Zwischen Leben und Tod
Mysterien aus meiner Arbeit als Sterbe- und Geburtsbegleiterin
16. Juni 2026„Das könnte ich nicht…“ ist meist die erste Reaktion, wenn ich von meiner Arbeit als ehrenamtliche Sterbebegleiterin erzähle. Gefolgt von Fragen, wie es dazu kam, ob ich denn schonmal jemanden tot gesehen habe und der verirrten Annahme, dass ich Beihilfe zum Sterben leiste – resultierend aus der Verwechselung mit Sterbehilfe. Die Gefühlslage meines Gegenübers erlebe ich in diesen Momenten als Mischung aus Anspannung, Verlegenheit und Zurückhaltung, gepaart mit einer gewissen Selbstdistanz, die Tod und Sterben mit sich bringen.
Um die Situation zu entschärfen, lächle ich aufmunternd und bekräftige, dass mir sterbende Menschen keine Angst machen und der Tod nicht nur schwer und belastend sein muss. Außerdem bin ja nicht ich die, die bei dieser Arbeit stirbt.
Mein Gegenüber nickt – vielleicht anerkennend, vielleicht auch aus Meinungslosigkeit – sagt „ja crazy“ und ist erleichtert über einen Themenwechsel. Erleichtert, sich nicht weiter mit diesem belastenden Thema beschäftigen zu müssen, dass bei bloßer Erwähnung zu innerer Schwere und Enge führt.
Mysterium Sterben
An dieser Stelle bin ich immer wieder überrascht, wieviel Beklemmung Tod in uns auslöst und warum er keine Rolle in unserem alltäglichen Leben spielt; ist es doch das Einzige – wirklich einzige – was uns alle betrifft und erwartet.
Warum haben wir so große Angst davor? Diese Frage ist nicht wertend gemeint, vielmehr als Verwunderung bzw. Fakt. Und vielleicht auch die Antwort auf die Frage, wie ich dazu gekommen bin Sterbe- und Trauerbegleiterin zu werden: Aus dem Wunsch, dass Tod eine Rolle in meinem Leben spielen darf. Dass ich mich austauschen und in die Tiefe einsteigen kann. Dass ich Tod und Sterben erleben kann. Denn ich habe keine Angst vor dem Tod. Weder vor meinem eigenen noch vor dem anderer. Auch als ich selbst dem Tod sehr nah stand, hatte ich vieles aber keine Angst. Auch als meine Tochter gestorben ist, hatte ich vieles aber keine Angst.
Und dann gibt es noch jene Gegenüber, die neugierig und offen reagieren – fast schon gewollt zustimmend. Von ihnen stammen die „Was sind so die letzten Worte“- Fragevibes, in Erwartung und Hoffnung, dass das Mysterium Sterben noch ein paar gute Geschichten und Erkenntnisse mit sich bringt. Sterbebegleitung scheint in ihren Augen etwas Heroisches zu sein, etwas für das man Mut braucht. Dabei wird vergessen, dass es nicht um meinen Mut und meine Erfahrung geht, sondern dass ich als Sterbebegleiterin für die sterbende Person einfach nur da bin. Dafür braucht es ehrlich gesagt wenig bis keinen Mut.
Beim Beantworten dieser Frage muss ich meist enttäuschen, denn diese romantische Vorstellung von einem Persönlichkeitswechsel am Lebensende, bei dem urplötzlich tiefe und wahrhaftige Versöhnung, Liebe und Frieden gelebt werden, habe ich persönlich noch nicht erlebt. Klar, gibt es die, die einfach nett und lieb sind und über ihre geliebten verstorbenen Ehepartner sprechen, sich auf ein Wiedersehen mit ihnen freuen und dem Tod nicht abgeneigt sind. Ich glaube jedoch, dass diese Art Mensch auch vor dem Tod bereits ein Leben geführt hat indem Platz für all das war.
„Ich bezweifle, dass der Tod die Magie besitzt aus jedem Menschen einen reflektierten, wohlwollenden Sterbenden zu zaubern, aus dem Weisheit sprudelt.“
Der Tod ist kein Mysterium, er ist Naturgegeben.
Ich verstehe die Frage nach den-letzten-Worten, ich verstehe, dass es spannend ist. Ich verstehe den indirekten Wunsch nach einem Beweis dafür, dass das Lebensende uns irgendwie befriedet. Und doch sollte das nicht der Antrieb sein, diese Arbeit zu machen. Denn die Besonderheit und auch Faszination des Sterbeprozesses andere, dient nicht meiner Bereicherung. Es ist irrelevant, ob jemand etwas Weises mit mir teilt, nicht mehr ansprechbar ist oder von den letzten Zügen der Demenz für uns nicht nachvollziehbare Dinge sagt. Palliativ bedeutet „umhüllen“, „schützen“ also etwas, was man offensichtlich für andere tut.
Die viel augenöffendere Erkenntnis dieser Arbeit war für mich, wie erschreckend alleine wir die Alten in unserer Gesellschaft sterben lassen. Und mit sterben meine ich nicht unbedingt, den akuten Sterbeprozess selbst, sondern die letzte Lebenszeit. Wir sind erstaunlich wenig bereit unsere Zeit mit den Alten zu teilen, ihnen zuzuhören und da zu sein, verglichen mit unserer Angst und Neugier, wie diese wohl das Sterben erleben.
Ich glaube, dass hier die Motivation meiner Arbeit liegt: Mein Wunsch nicht alleine zulassen. Denn es gibt einen feinen und doch signifikanten Unterschied zwischen alleine sein und alleine gelassen werden. Das gilt für Sterbende, genauso wie für die Hinterbliebenen. Dem Großteil unserer Gesellschaft fällt es wahnsinnig schwer Menschen in Tod und Trauer wirklich zu unterstützen. Wir haben keine Lust und auch keinen Umgang mit der anfänglich erwähnten Schwere, Enge, Unbeholfenheit und Belastung. Wenn überhaupt sehr begrenzt. Und das macht Sterben und Tod erst zu einem Problem.
„Was uns nach dem Tod erwartet, bleibt ein Mysterium.“
Was uns nach dem Tod erwartet, bleibt ein Mysterium.
Alles rund ums Sterben, ist erst ein Mysterium geworden, nachdem wir es aus dem Haus verbannt und in Krankenhäuser, Pflegeheime und Hospize verlagert haben. Kaum einer hat heutzutage eine Leiche gesehen, gerochen, gefühlt. Die Normalität im Umgang mit Sterben wurde durch Ungewissheit und Angst ersetzt.
Mysterium Geburt
Das Gleiche haben wir mit Geburt getan.
Zwischen 1950 und 1975 fand in Deutschland die flächendeckende Verlagerung der Geburtshilfe vom Haus in die Klinik statt. Grund war die Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt durch das Patriarchat. Ein vermeintlicher Luxus unserer westlichen Welt. Zuvor gebaren Frauen ihre Kinder zu Hause im Kreise andere Frauen: Großmütter, Tanten, Töchter, Mädchen. Schon im jungen Alter konnten Frauen Geburtserfahrung sammeln. Sie konnte erfahren, wie Geburtsschmerz aussieht, wie eine Geburt abläuft und dass ein Frauenkörper auf natürliche Weise ein Kind gebären kann. Diese Erfahrung der Natürlichkeit und weiblichen Urkraft fällt heutzutage weg und führt, ähnlich wie beim Sterben, zu viel Ungewissheit, Ängsten und Verantwortungsabgabe.
Bitte nicht falsch verstehen, der medizinische Fortschritt soll an dieser Stelle nicht verteufelt werden. Wir verdanken ihm viele gerettete Leben. Problematisch wird es dann, wenn Schwangerschaft und Geburt nur noch aus medizinischer Sicht betrachtet werden und die eigenen Intuition der Frau an Vertrauenswürdigkeit und Aussagekraft verliert.
Bei mir als Frau stößt diese Entwicklung von Schwangerschaftsbetreuung und Geburtshilfe auf einen inneren Widerstand. Denn wieder einmal stellt sich mir die Frage: Wieso trauen wir uns das nicht zu? Wovor haben wir Angst? Hauptberuflich bin ich als Doula und Yogatherapeutin tätig.
Doula (altgriech.) bedeutet Dienerin der Frau. Heute versteht man unter einer Doula eine emphatische Fachperson, die Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft unterstützt und mit allem was da ist hält. Sie steht der Frau als Begleiterin an der Seite, für eine Reise, in der es viel Zuversicht, Vertrauen und Kraft braucht.
Auf den ersten Blick mag das der absolute Kontrast zur Sterbebegleitung sein. Auf den zweiten werden die Gemeinsamkeiten deutlich: Jemand, der durch Ungewissheit am Lebensanfang und Ende begleitet; notwendig, weil wir verlernt haben, diesen Situationen mit Natürlichkeit zu begegnen.

Und manchmal fallen Anfang und Ende auch in eins.
Als Fachtherapeutin zur Begleitung bei perinatalem Kindstod (Fehlgeburten) erlebe ich die Gleichzeitigkeit von Leben und Tod. Frisch gebackene und gleichzeitig verwaiste Eltern.
Hier versteckt sich die vielleicht vermeintlich größte menschliche Angst: Den Tod des eigenen Kindes aushalten zu müssen.
Und das beantwortet meine Frage wovor wir uns so sehr fürchten: Davor, dass etwas „schiefgeht“. Vor Fehlgeburt und Verlust. Alleine das Wort Fehlgeburt löst Grauen in uns aus.
Eine fehlerhafte Geburt? Ein Körper, der einen Fehler gemacht hat? Ein Kind, das fehlerhaft ist? Diese Assoziationen setze bei dem Wort Fehlgeburt ein. Dabei meint es vielmehr eine Geburt, bei der am Ende das Kind fehlt. Das Fehlen eines Kindes. Eine Frau, die zur Mutter wird, ohne Kind. Das ist eine Fehlgeburt.
Auch dieses Thema stößt auf starres Unbehagen. Verständlicherweise, denn wer würde sich freiwillig für so ein Erlebnis melden? Auch unfreiwillig ist der Tod des eigenen Kindes keine leichte Kost. Das Wort Schicksalsschlag scheint für viele hier der treffende Ausdruck zu sein. Doch muss dieses Ereignis wirklich ein Schlag des Schicksals sein? Und wer wird geschlagen? Das tote Kind oder die zurückbleibenden Eltern? Was, wenn sich niemand geschlagen fühlt? Geschlagen im Sinne von Kraft, die heftig auf einen einwirkt – ja vielleicht. Geschlagen im Sinnen von aufgeben – nicht zwangsläufig.
Mysterium Dualität der Trauer
An dieser Stelle möchte ich Mut machen, denn nun brauchen wir sie wirklich. Mut, sich selbst die Erlaubnis zu geben, auch die lichtvollen Seiten eines solchen Ereignisses zu sehen und anzuerkennen. Denn es gibt sie – wirklich. Diese Momente der Dualität, der Gleichzeitigkeit und Paradoxen. Schmerz kann neben Freude existieren, genauso wie Leid neben Liebe.
Trauer ist nicht einseitig, nicht linear. Trauer ist vielfältig und erlaubt Raum für weitere Gefühle. Das wissen und erleben nur die wenigsten, denn Trauer sperren wir grundsätzlich aus. Wir versuchen sie in Modelle zu pressen, um Leitlinien zu erschaffen, die uns sagen, wie wir mit dieser Schwere umgehen sollen, wo auf dem Weg der Besserung wir uns bereits befinden und ob wir richtig trauern.
Meine zweite Erkenntnis der Sterbe- und Trauerbegleitung lautet: Trauermodelle sind beklemmend und menschengemachter Druck. Jeder und jede trauert anders.
Lasst euch nicht täuschen: zu Lachen, Freude zu empfinden oder wieder motiviert zu arbeiten, bedeutet keine zwangsläufige Abwesenheit von Trauer und ist auch kein Verrat am toten Kind. Die Art der Trauer eines anderen, muss für einen selbst nicht nachvollziehbar oder „richtig“ sein. Wer bei Trauer wirklich unterstützen möchte, sollte seine eigenen Vorstellungen von Trauerbewältigung nicht projizieren. Denn diese hypothetisch, ausgedachten Erwartungen führen leider eher zu Unverständnis und Spaltung, als dass sie helfen.
Um Offenheit in Momenten der Schwere zu bewahren, kann es helfen, anzuerkennen, dass ein Ereignis wie dieses in erster Linie eine Erfahrung ist. Eine Erfahrung, die frei von Bewertung für sich steht. Egal ob gut oder schlecht; Diese neutrale Sicht erlangen wir jedoch nur, wenn wir die Brille des Gesellschaftsblickes einmal absetzen und uns unser eigenes Bild machen. So besagt es die buddhistische Lehre des Yogas. Ein für mich sehr haltgebender Gedanke, bei dem es weniger um Schuld, Sünde oder die Gnade eines Erlösers geht.
„Wer offen bleibt, kann sein tot geborenes Kind in den Armen halten und neben Trauer, Schmerz und Fassungslosigkeit auch Freude, tiefe Liebe und Glück empfinden. Auch wenn das schwer vorstellbar ist.“
