Die Angst vor der eigenen Schöpferkraft
Halt statt Kontrolle: wie wir Ungewissheit auf dem Weg in die Mutterschaft vertrauensvoll begegnen können & die faktisch belegte Wirkung einer Doula.
06. Mai 2026Ein Essay über die Ängste in unserer Geburtskultur.
Doula (altgriech.) bedeutet Dienerin der Frau. Heute versteht man unter einer Doula eine emphatische Fachperson, die Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft unterstützt und mit allem was da ist hält: Ängste, Hoffnung und Schmerz. Sie steht der Frau als Begleiterin an der Seite, für eine Reise, in der es viel Zuversicht, Vertrauen und Kraft braucht. Die Unterstützung umfasst dabei vor allem die emotionale Ebene. Wer nun denkt, dass es fürs „Gefühle halten“ keine Fachperson braucht, bewertet aus Sicht unserer patriarchalen Gesellschaft, in der sogar schwanger sein und gebären mit einem Leistungsgedanken verbunden sind. Wie es zu dieser Sicht auf die Geburtshilfe kam, kannst du hier lesen.
Der Fehler in unserer Geburtskultur
Um die Wirkkraft einer Doula zu verstehen, bedarf es einen kurzen Abstecher in die Geschichte der Geburtskultur. Schwangerschaft und Geburt sind ur-natürliche Prozesse, die seit jeher existieren und funktionieren. Sie funktionieren nicht, weil wir passende Technologie o.ä. entwickelt haben, sondern weil es Physiologie ist. Schon immer waren Frauen schwanger und haben Kinder geboren.
Der große Unterschied zwischen heute und damals liegt in der Art und Weise, wie wir als Gesellschaft Schwangerschaft und Geburt betrachten, bewerten und behandeln.
Galt Schwangerschaft und Geburt als natürliches physiologisches Ereignis, so hat man heutzutage fast das Gefühl, es wäre eine menschliche Errungenschaft. Etwas, dass nur funktioniert, weil es der Mensch durch Kontrolle und Optimierung möglich macht.
Wir behandeln „Schwangerschaftssymptome“ als wären sie Krankheiten. Dabei sind sie das Gegenteil: Sie sind die Anpassung deines Körpers an die Schwangerschaft. Eine Bestätigung, dass du schwanger bist und dein Körper weiß, was zu tun ist. Wir greifen ein, bevor ein mögliches Risiko besteht; sicherheitshalber, dass es gar nicht erst zu vermeintlichen Risiken kommt.
Wir versuchen Schmerz zu vermeiden und Tod zu verhindern.
Wir vergessen, dass Fehlgeburt zur Fruchtbarkeit dazugehört und geben alle Verantwortung an die Medizin ab. Wir planen, überwachen und bestimmen.Fast so, als wollten wir die Ursprünglichkeit austricksen um all das vermeintlich Negative zu umgehen.
Und genau hier liegt der Verdreher: wir haben vergessen, dass es nie darum ging, aus diesem Erlebnis etwas perfekt Planbares zu machen, sondern, dass der Übergang einer Frau zur Mutter – die Geburt eines Lebewesens – außerhalb der menschlichen Kontrolle liegt. Qualitäten, wie Hingabe, Mut und Vertrauen sind das viel dringlichere Gut. Wir überschätzen das Wissen der männlich geprägte Medizin und unterschätzen die Schöpferkraft der Frau. Dabei würde es sich ziemlich lohnen, diesen Qualitäten mehr Raum und Relevanz zuzusprechen, sie zu erlernen und zu kultivieren – haben sie uns doch ganz so weit gebracht.
Seit Menschengedenken gebären Frauen im Kreis von anderen Frauen. Töchter, Mütter, Tanten, Omas. Frauen sammelten Geburtserfahrung, lange bevor sie selbst gebaren. Sie wussten, was es braucht und wie es geht. Sie wussten, um die Kraft der Frau. Denn sie haben sie erlebt. Im Gegensatz zu den heutigen Frauen: über 98% aller Frauen in Deutschland gebären ihr Kind im Krankenhaus.
Reale Geburtserfahrung zu sammeln und so Vertrauen in die weibliche Kraft zu gewinnen, ist schlussfolgernd kein Teil unserer Geburtskultur mehr.
Die Folgen dieser fehlenden Erfahrung äußern sich in Angst:
Angst vor dem Unbekannten.
Angst vor Verlust.
Angst vor Schmerz.
Ängste in der Schwangerschaft
Angst vor Ungewissheit
Universelle Sorgen, wie, „Wie wird die Geburt verlaufen?“, „Werde ich eine gute Mutter sein?“ oder „Was wird aus XY?“ spiegeln sich in der Angst vor dem Ungewissen wider. Unser Körper reagiert mit Herzrasen, unser Atem beschleunigt sich und der Körper sende Stresssignale aus. Alles Reaktionen, die durch das Bedrohungsgefühl des Unbekannten ausgelöst werden und in Angst enden. Auch die Angst Kontrolle zu verlieren, das Kind zu verlieren oder gar das eigene Leben, sind typische Verlustängste, die von Ungewissheit ausgelöst werden.
Dabei ist eins wichtig zu verstehen:
Ungewissheit ist keine Lebensbedrohung.
Ungewissheit ist in erster Linie ein Raum, der Chancen und Möglichkeiten enthält. Nur weil etwas unbekannt ist, ist es nicht automatisch schlecht, gefährlich, negativ oder bedrohlich. Was es für uns bedrohlich macht, ist die Tatsache, dass Ungewissheit nicht kontrollierbar ist – der Inbegriff von Kontrollverlust. Was wir aber kontrollieren können, ist, wie wir Ungewissheit betrachten und ihr begegnen. Am besten mit Neugier und Vertrauen.
Denn hinter der Angst vor dem Unbekannten liegen Botschaften. Manchmal wollen sie uns vor etwas beschützten, mal auf etwas hinweisen. Wenn wir uns trauen der Angst neugierig und ehrlich zu begegnen, erkennen wir, auf welche Bedürfnisse sie uns hinweisen und wovor sie uns beschützen möchte und können dementsprechend reagieren.
Der Angst einen Weg aus dem System geben:
- Spüre all die Anzeichen von Angst in deinem Körper, all die Anspannung. Spüre in jedes Körperteil. Wo spürst du die Angst am meisten?
- Statt dich dagegen zu wehren, es abzulehnen, loswerden zu wollen, bleibe und atme in das Gefühl hinein.
- Erkunde das Gefühl: wie sieht es aus? Welche Form hat es? Welche Farbe? Wie bewegt es sich? Welche Oberfläche hat es? Welche Temperatur? Zoom richtig dran und beschreibe für dich in einfachen Worten.
- Und während du erkundest, löse dich von der Geschichte, die dahinter steckt. Einfach nur erkunden und beschreiben.
- Egal was kommt, ob du weinen, lachen, gähnen oder dich ausschütteln, strecken oder tanzen magst, go for it.
Angst vor Geburtsschmerz
Auch die Angst vor Schmerz empfinden viele Frauen als große Bedrohung, was nachvollziehbar ist – versuchen wir doch um jeden Preis Schmerz zu vermeiden. Egal ob körperlich oder seelisch: taucht Schmerz in unserem Leben auf, wird er meist von Angst und Furcht begleitet.
Auf den Geburtsschmerz bezogen, liegt hier ein großes Missverständnis vor. Denn wie bei allen Übergangsriten, sind Unannehmlichkeiten ein Teil davon, um auf die andere Seite zu gelangen. Ein Mensch zu gebären, findet auf allen Ebenen und mit allem was wir empfinden können, statt. Das Gefühl von Schmerz gehört ebenso dazu, wie das tiefe Gefühl von Liebe und Erleichterung. Schmerz zu vermeiden, nur weil wir ihn als solches empfinden, ist nicht immer das Ziel. Vielmehr können wir das Schmerzempfinden verändern, in dem wir ihn umdeuten und als Teil der Initiation anerkennen.
Schmerz verstehen
Die erste wichtig Erkenntnis in Bezug auf die Umdeutung von Schmerz lautet. Schmerzgefühle signalisieren Geburtsfortschritt und haben eine funktionelle Rolle. Dieser entsteht durch Muskelarbeit, Dehnung und Druck, die notwendig sind, damit das Baby geboren werden kann.
- Kontraktion der Gebärmutter: Die Muskelfasern ziehen sich rhythmisch zusammen, um den Muttermund zu öffnen und das Baby nach unten zu bewegen. Dabei wird das Gewebe stark beansprucht – das verursacht Schmerz.
- Dehnung des Muttermundes: Während der Geburt wird der Muttermund auf etwa 10 cm gedehnt. Diese starke Dehnung aktiviert Schmerzrezeptoren.
- Druck des Baby im Becken: Der Kopf des Babys drückt auf Beckenstrukturen, Nerven und Bänder.
- Dehnung von Vagina und Damm: In der Austreibungsphase wird dieses Gewebe stark gedehnt, was ebenfalls Schmerzsignale auslöst.
Diese Art von Schmerz lässt sich nicht mit Schmerz durch z.B. externe Gewalt vergleichen.
Auch können wir diese Form des Schmerzes sehr gut durch bestimmte Techniken, wie Atmung, Bewegung, Wärme oder Visualisierung lindern. Erlauben wir dem Schmerz da zu sein, fürchten wir uns nicht mehr vor ihm, sondern können seine transformative Kraft nutzen.
„Ich erlaube dem Schmerz dazu sein, weil er mir hilft, mein Kind zu gebären.“
„Mein Körper weiß, wie er mein Baby zur Welt bringt – so wie es schon unzählige Frauen vor mir geschafft haben.“


Der Einfluss einer Doula-Begleitung auf die Schwangerschafts- und Geburtserfahrung
Studien belegen, dass Frauen mehr Angst vor der Geburt haben, je stärker sie Geburt als medizinischen Prozess wahrnehmen. Frauen, die Geburt eher als natürlichen Vorgang betrachten, haben tendenziell weniger Angst und fühlen sich besser vorbereitet. Verständlich, da eine risikobehaftete medizinische Prozedur mit deutlich mehr Schmerz assoziiert ist, als ein natürlicher physiologischer Prozess.
Zurück zur anfänglichen Frage, warum es eine Fachperson für die Begleitung von Gefühlen einer schwangeren Frau braucht. Der Text belegt, dass Frauen durch das Miterleben von Geburten, ein natürliches und vertrauensvolles Verständnis von Geburt entwickeln. Sie sammeln die Erfahrung, dass weibliche Körper in der Lage sind ein Kind zu gebären, lernen diesem zu vertrauen und Geburtsschmerz einzuordnen.Bleibt diese Erfahrung aus, bedeutet Geburt in erster Linie Ungewissheit und Angst. Diesen Ängste versuchen wir mit medizinsicher Kontrolle entgegenzuwirken, was zu einem vollkommenen Vertrauensverlust führt.
Für Frauen resultiert das in emotionaler Unsicherheit, erhöhter Unzufriedenheit der Geburtserfahrung, höheren Risiken für postpartale Angst und Depression sowie höheren medizinischen Interventionsraten. Diese Resultate unterstreichen die Relevanz von Vertrauen auf dem Weg in die Mutterschaft. Und solange unser System das nicht erkennt, brauche es Doulas oder andere Anlaufstellen, die das Vertrauen bewahren bzw. zurückerlangen, um Frauen an ihre Schöpferkraft zu erinnern. Eine Kraft, voller Selbstwirksamkeit und Verbindung.
„ Slowing down and connecting with deep inner wisdom is far more important than consuming endless information.“
Es ist faktisch belegt, dass eine Frau, die von einer Doula begleitet wird:
- verbesserte psychosoziale Unterstützung und Geburtszufriedenheit
- mehr Selbstwirksamkeit in Entscheidungsprozessen
- erhöhtes Sicherheitsgefühl durch Vertrauen und Verbindung
- verringerte Notwendigkeit von medizinischen Interventionen (Schmerzmittel, Kaiserschnitt, etc.) 1
- reduziertes PTSD-Risiko für postnatale Angst und Depression
Die positiven Auswirkungen vom „Gefühle halten“ sind wissenschaftlich belegt und ziemlich deutlich.
Umfangreiche, lückenlose und ganzheitliche Begleitung findest du hier.
Quellen:
- Çubukçu, B., & Şahin, S. A. (2025).
The effect of pregnant women’s childbirth beliefs on fear of childbirth. Women’s Studies International Forum. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31858891/ - Lai, X., et al. (2025).
The association between doula care and childbirth-related PTSD symptoms. Birth. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0277539524001559 - Westergren, A., et al. (2021).
Exploring the medicalisation of childbirth through women’s preferences for and use of pain relief. Women and Birth. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1871519219310893 - Doula care: A review of outcomes and impact on birth experience. (2023).
PubMed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36786720/ - The Effect of Doulas on Maternal and Birth Outcomes: A Scoping Review. (2022).
PMC Free Full Text. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10292163/
Studien der Cochrane Collaboration (2017): n = 15.000 Frauen in 17 Ländern.
- 50% weniger Kaiserschnitte
- 41% weniger Verwendung von Saugglocke oder Zange
- 39% weniger Verwendung von zehenfördernden Mitteln
- 60% weniger Nachfrage nach PDA
- 28% weniger bedarf an jeglichen Schmerzmitteln
- 25% kürzere Geburtsdauer
- 33% weniger schlechte Geburtserfahrung