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Mit Yoga Trauer begleiten

Mit Yoga Trauer begleiten

Was passiert, wenn wir trauern und wie können wir Trauer selbstwirksam begleiten?

Einblicke in die praktische Arbeit der Yogatherapie.

Trauer ist eine ganzheitliche Reaktion auf Verlust. Meist bezogen auf den Verlust eines geliebten Menschen, aber auch andere bedeutende Verluste, wie Gesundheit, Arbeit, Beziehungen, etc. können Trauergefühle auslösen.
Trauer erleben wir in intensiven Formen verschiedener Emotionen: Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst, Einsamkeit, Wut, Schuld und Reizbarkeit. Alles Emotionen, die im ersten Moment unangenehm zu fühlen sind und einen negativen Beigeschmack haben. Was Emotionen eigentlich genau sind, wofür wir sie brauchen und wie wir einen Umgang auch mit den nicht-so-schönen Emotionen finden können, kannst du hier lesen.

Was passiert im Körper, wenn wir trauern?

Die Situation eines Verlusts verursacht eine physiologische Stressreaktion im Körper. Das Stresshormon Cortisol steigt und aktiviert den Alarmzustand des sympathischen Nervensystems. Der Körper reagiert mit den oben genannten Traueremotionen. Körperlich ist das durch eine steigende Herzfrequenz, einen erhöhten Blutdruck und bei anhaltender Trauer auch durch ein geschwächtes Immunsystem wahrzunehmen. Auch Schlafstörungen, Appetitverlust, Muskelverspannungen sowie Magen-Darm-Probleme sind körperliche Symptome von Trauer. Gleichzeitig sinkt der Serotonin-, Dopamin-, Oxytocin- und Endorphinanteil, was sich in Stimmungseinbrüchen, Antriebslosigkeit, erhöhter Schmerzempfindlichkeit sowie einem sozialen Getrenntheitsgefühl oder Einsamkeit äußert. Das parasympathsiche Nervensystem wird blockiert als hätte der Körper verlernt sich zu entspannen. 
Mehr Infos zu den unterschiedlichen Wirkungen des sympathischen und parasympathischen Nervensystem, findest du hier.

Trauer beeinflusst das Denken, die Aufmerksamkeit und das Gedächtnis. Dazu gehören Wahrnehmensveränderungen, wie Leere oder Unrealität aber auch kreative und reflektierende Prozesse, wie Neubewertungen von Sinn und Zielen (bei frei fließender Trauer). Übermäßig chronische Trauer, die unterdrückt wird, kann zu Depression oder Angststörungen führen. 

Yogatherapie zur Verarbeitung von Trauer und anderen Emotionen - Konstanz
Yogatherapie zur Verarbeitung von Trauer und anderen Emotionen - Konstanz

Trauer verarbeiten: Praktische Übungen aus der Yogatherapie

Wenn wir trauern, verspannt sich unser Körper. Wir ziehen uns zusammen, als wollten wir innerlich verschwinden. Das Gefühl zusammen zu sacken spiegelt sich in Verspannungen entlang von Rücken, Schultern und Kiefer wider und führt gleichzeitig zur Einengung der Körpervorderseite, das zu einer Verspannung unserer Hauptatemmuskels, dem Zwerchfell, führt. Wir spüren diese Verspannung als Engegefühl in der Brust, dass uns nur schwer atmen lässt. Auch im Gesicht ist die Wirkungen von Trauer gut erkennbar – Verspannungen von Stirn und Kiefer sorgen für die klassische „Sorgenfalte“. 
Dass sich genau diese Körperpartien verspannen, liegt an einer speziellen muskulären Reaktion des Körpers auf Trauergefühle. Diese lässt sich anhand des Fasziensystems erklären. 

Fasziensturktur

Die vordere Tiefenleitbahn (deep front) beginnt an der Fußsohle und verläuft entlang der Schienbeine (Tibia), weiter entlang der Oberschenkelinnenseiten (Adduktoren), umspannt den Beckenboden sowie den Psoas, weiter entlang der inneren Bauchdecke, Zwerchfell und endet im Bereich des Mundbodens am Kiefer. Ihre Aufgabe ist es, den Körper von innen zu stabilisieren – besonders für Haltung, Atmung und „innere Aufrichtung“
Wir erleben die Verspannung dieser Faszienkette vorallem in Momenten des Schrecks, wenn sich der Körper reflexartig zusammenzieht, um die Organe zu schützen (z.B. bei ein lauten Knall). Auch bei emotionalem Schreck, wie Verlust, reagiert die vordere Tiefenleitbahn. 
Um Fasziengewebe nach Verspannung, Verklemmungen und Dehydration wieder zu lockern und zu lösen, können wir viel mehr tun als herkömmliche Dehnung oder Massage. 

Langsame und langanhaltende Dehnung

  • aktiviert Parasympathikus
  • entklebt das Fasziengewebe
  • funktioniert nur, wenn man sich wirklich darauf einlässt und nicht „gegenhält“

Mechanischer Druck

  • durch Druck von z.B. Massagebällen/ Rollen wird die Lymphe angeregt und lässt „frische“ Flüssigkeit ins Gewebe störte
  • Neuausrichtung der Fasziensturktur 
  • Regeneration durch Flüssigkeitsaustausch

Dynamische Ganzkörperbewegungen

  • tanzen, schütteln, freies Kreisen
  • erhöht die Elastizität der Muskel-Sehnenansätze

Exzentrische Kontraktion

  • Der Muskel kontrahiert (spannt an) während er gleichzeitig verlängert wird
  • effektivste Form der Dehnung 

Körperwahrnehmung

  • langsam durchgeführte Mikrobewegungen ermöglichen „Reinspüren“ und präzises Ansteuern einzelner Faszien
  • „Nachspüren“ nach Bewegungen 

Asanas & Prananyama

Yogatherapie zur Begleitung von Trauer - Konstanz -roots

Für die Yogatherapie bedeutet das übersetzt, langsam und fokussiert zu praktizieren. Wir wollen den Körper sanft öffnen, ihm Stabilität und Sicherheit schenken, sowie viel Raum zum Fließen und Loslassen geben. Geeignete Yogaformen sind Hatha, Yin und weitere restorative Yogarichtungen. 

Fußsohle

  • mit Massageball ausrollen
  • im Stand (Tadasana) oder in der stehenden Vorbeuge ( Uttanasana) das Gewicht auf den Fußsohlen ausbalancieren; Zehen spreizen

Adduktoren

  • Schmetterlingsvorbeuge
  • sitzende/ stehende Grätsche

Beckenboden

  • tiefe Hocke (Malasana) mit Fokus auf Entspannung des Beckenbodens
  • Visualisierung eines Lichtpunktes, der mit der Einatmung im Beckenraum aufleuchtet und mit der Ausatmung sein Licht dimmt
  • liegende Göttin mit Fokus auf Entspannung der Oberschenkel und des Gesäßes 
  • stehende Göttin mit Fokus auf Kraft in den Oberschenkelinnenseiten durch Aktivierung der Fußaußenkanten im Boden 

Bauchdecke

  • Anahata
  • Spinx
  • Kobra (Bhujangasana)
  • Heuschrecke (Shalabasana)

Zwerchfell

  • Vollatmung (Maha Pranayama)
  • drei teilige Atmung (Tipp: Hände auf Bauch oder Rippen für Feedback) 
  • sitzende/ stehende/ liegende Drehungen mit Fokus auf tiefer Bauchatmung 
  • Sidestretch mit Fokus auf Länge und Atmung in die Öffnung 

Mundboden/ Kiefer

  • Kopf/ Nacken kreisen 
  • Simhasana (Löwenatmung) mit Fokus auf der Entspannung des Kiefers
  • Khechari Mudra mit Fokus auf der Entspannung des Kiefers

weitere Übungen

  • Schütteln
  • Wahrnehmungsübungen: Yoga Nidra, Body Scan
  • Nadi shodana (Wechselatmung) für emotionale Balance
  • Interozeptives Training (Emotionen erkunden) 
  • Journaling, Reflexion, Austausch 

Fazit

Studien belegen, dass Yoga in seiner Ganzheitlichkeit signifikant Trauer- und Depressionssymptome reduzieren und lindern kann. Es unterstützt die emotional-körperliche Verarbeitung, schafft ein Gefühl von Verbundenheit und stärkt die Selbstwirksamkeit. Yogatherapie lindert durch Trauer ausgelöste Stressreaktionen und unterstützt den Akzeptanzprozess des Verlustes. 

Quellen
  • Goveas, J. S., et al. (2025). Iyengar yoga and health education interventions for prolonged grief disorder in later life. Scientific Reports.
  • Philbin, M. (2009). Transpersonal integrative yoga therapy: A protocol for grief and bereavement. International Journal of Yoga Therapy, 19, 87–94.
  • Thieleman, K., & Cacciatore, J. (2022). Bereaved parents’ perceptions of a mindfulness-based retreat. Death Studies.
  • Bonanno, G. A., & Kaltman, S. (2001). The varieties of grief experience. Clinical Psychology Review, 21(5), 705–734.
  • O’Connor, M.-F., Wellisch, D. K., Stanton, A. L., et al. (2003). Depressive symptomatology, autonomic function, and stress in bereavement. Psychosomatic Medicine, 65, 85–91.
  • Shear, M. K. (2012). Complicated grief. New England Journal of Medicine, 366, 903–910.