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Leid im Kinderwunsch (Teil 1) 

Leid im Kinderwunsch (Teil 1) 

Was uns der Buddhismus über die Ursachen von Leid im Kinderwunsch lehrt

In einer Welt, in der scheinbar alles möglich ist, in der jeder alles sein will, alles haben will; In der Selbstverwirklichung ein Trend ist, getarnt unter dem Denkmantel der Selbstbestimmung;In dieser Welt gibt es unendlich viel Leid. Leid in Form von Enttäuschung, Kontrollverlust, Unzufriedenheit und Irritation.
Eine Personengruppe leidet unter diesem gesellschaftlichen Druck der Selbstverwirklichung ganz besonders: Frauen und Paare im unerfüllten Kinderwunsch. 
Doch was, wenn aus Kinderwunsch ein Verlangen wird? Woher kommt diese starke Form des Leids und was können wir tun, um das Leid nachhaltig zu lindern? 

Selbstbestimmung, Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung sind das neue höchste Ziel. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass darin ganz schön viel „Selbst“ und wenig Realität steckt. Selbstbestimmtheit bezeichnet das Recht und die Fähigkeit, das eigene Leben und Handeln frei von äußeren Zwängen gestalten zu können. 
In der Theorie würde das bedeuten, dass jeder frei entscheiden kann, wie er oder sie leben möchte. Dafür muss kontrolliert, geplant, organisiert und strukturiert werden. In machen Lebensbereichen ist das machbar. In den meisten jedoch nicht. Denn in der Praxis steht der Umsetzung eins im Wege: das Leben. 
Und wenn das Leben eins nicht ist, dann kontrollierbar.  Das ist keine Floskel, sondern Erkenntnis aus Wissenschaft und Buddhismus. 

Die Essenz der buddhistischen Lehre

Die Wahrheit über Leid

Die Essenz des Buddhismus lehrt uns „Die vier edlen Weisheiten“. Diese beschreiben die Existenz von Leid, dessen Ursache sowie den Weg hinaus. Sozusagen eine praktische Anleitung, um Leid zu erkennen, zu verstehen und zu überwinden. 
Die erste Wahrheit umfasst das Erkennen von Leid. Und hier sind sich die Naturwissenschaft und der Buddhismus einig:

„Das Leben ist unvollkommen und unperfekt.“

Buddha sagt: „There is suffering.“ Die Wissenschaft beschreibt es mit dem Gesetz der Entropie, das besagt, dass sich jede Ordnung und Struktur verändert bis sie schließlich zerfällt. Das Leben ist sozusagen auf unkontrollierbares Chaos ausgerichtet.
Selbst der schönste Moment wird enden. Selbst der durchdachteste Plan hat keine Funktionsgranatie. Das Leben beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Dazwischen altern wir und verändern uns. Es beinhaltet Schmerz und ist nicht aufzuhalten. 

Im Buddhismus wird dafür der Begriff „Dukkha“ verwendet, der am besten mit den Worten Unzufriedenheit oder Unvollkommenheit übersetzt werden kann. Die erste Wahrheit besteht also darin anzuerkennen, dass das Leben unvollkommen ist. Für Perfektionisten ist diese Wahrheit sehr schwer bis kaum zu ertragen. 

Ursache von Leid

Was Leid verursacht, ist in der buddhistischen Lehre ganz klar definiert. Die zweite buddhistische Wahrheit lautet: Leid entsteht durch Anhaftung (Attachment). Dazu gehört Verlangen, Gier und Neid, sowie Hass und Ablehnung. Buddha sagt: „Attachment causes suffering.“ Anhaftung bedeutet etwas unbedingt zu wollen und infolge des Nichteintretens Leid (Unzufriedenheit, Enttäuschung, etc.) zu erleben. Ein unerfüllter Kinderwunsch bietet großes Potential für Anhaftung und somit Leid. 

Aber warum kann ein Wunsch so viel Leid erzeugen? Sich etwas zu wünschen bedeutet natürlich nicht automatisch in Anhaftung zu stecken. Der Unterschied zwischen Wunsch und Anhaftung liegt hierbei im tiefen Gefühl der Notwendigkeit. Der bloße Wunsch löst noch kein Leid aus. Genauso wenig, wie Ziele haben, nicht zwangsläufig in Leid endet.Verwandeln sich unsere Wünsche und Ziele jedoch in Notwendigkeiten, sprechen wir von Verlangen und das Leid beginnt. Und da sich unserer Gesellschaft prinzipiell nicht als besonders genügsam, selbstlos oder zufrieden definiert, sondern im Gegenteil, die Abwesenheit von bestimmten Dingen eine sofortige Unzufriedenheit auslöst bzw. Zufriedenheit gar nicht erst möglich macht, bekommt die Notwendigkeit von Dingen eine neue Dimension.
Überlebensnotwendige Bedürfnisse, wie Nahrung, sind damit schon lange nicht mehr gemeint. 

„Nice to have“ wird abgelöst von „Nessecary to have“. 

Leid im Kinderwunsch

Auf den Kinderwunsch bezogen bedeutet das, dass der bloße Wunsch ein Kind zu bekommen, nicht zwangsläufig mit Leid verknüpft ist, sondern erst dazu führt, wenn aus dem Wunsch eine Notwendigkeit wird. Sich ein Kind zu wünschen, Mama zu werden, eine Familie zu gründen oder zu erweitern, sind die natürlichsten und legitimsten Wünsche der Welt.Nur was passiert, wenn aus dem Wunsch einer Notwendigkeit wird? 
Übersetzt würde das bedeuten: „Es ist notwendig, dass ich ein Kind habe, sonst bin ich unglücklich.“ oder „Ohne ein Kind kann ich nich glücklich sein.“ oder „Nur mit einem Kind bin ich zufrieden.“ 

Dass dieser Zustand ein umheimliches Leid mit sich bringt, wird durch die Korrelation aus Wunsch und Notwendigkeit offensichtlich. Die Wissenschaft belegt, dass eine emotional-psychische Belastung durch Unfruchtbarkeit erheblich ist.
Ein unerfüllter Kinderwunsch kann ein ersthaftes Bedrohungsgefühl in der Lebensplanung auslösen und depressive Symptome, Angstzustände oder soziale Isolation auslösen. Die Wissenschaft beschreibt diese Belastung als ähnlich vergleichbar mit einer schweren chronischen Erkrankung. 
Wie also diese Bedrohung auflösen?  

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Wenn aus Kinderwunsch, Kinderverlangen wird.

Die dritte buddhistische Wahrheit umfasst die Beendigung des Leids. 
Buddha sagt: „Suffering can end.“ Leid kann dann enden, wenn die Anhaftung – das Verlangen –  endet. Dann sprechen wir von Non-Attachment, einem Zustand frei von Leid. Um aus dem Verlangen wieder ein Wunsch zu machen und somit das Leid zu beenden, gilt es den Grad der Notwendigkeit hinter dem Wunsch zu hinterfragen – ohne den Kinderwunsch dabei abzusprechen. 
Hinweis: Als notwendig bezeichnet man etwas, wenn man glaubt, dass es vorhanden sein muss, um einen bestimmten Zustand (XY) zu erreichen. 

Hinterfragen

  • Die erste Frage, die man sich stellen kann, lautet:
    „Ist es notwenig, dass ich ein Kind bekomme, damit ich XY bin?“

  • Die zweite Frage folgt:
    „Kann ich wirklich nur XY sein, wenn ich ein Kind bekomme?“
    Damit hinterfragt man die eigene Notwendigkeit.

  • Hin zur dritten (rhetorischen) Frage:
    War mein bisheriges Leben nicht XY, da XY ja nur in Korrelation mit einem Kind möglich ist?

Die Antwort darauf wird Nein lauten. Denn dein Leben liefert dir den lebenden Beweis, dass eine allgemeine Korrelation zwischen „ein Kind haben“ und „XY sein“, bislang nicht existiert hat. Diese Erkenntnis erlaubt dir, den Grad der Notwendigkeit zu entschärfen und die Bedrohung aufzulösen. 
Und Achtung, lass dich an dieser Stelle nicht von deinen Gedanken täuschen, die sagen: „Naja mit 30. Jahren ist das halt anders.“ Dass sich mit einem bestimmten Alter der Wunsch verstärkt, ist ebenfalls biologisch nachvollziehbar. Auch hier wollen wir nicht den Wunsch absprechen, sondern die Notwendigkeit hinterfragen.
Übersetzt würde das bedeuten: „Allgemein brauche ich kein Kind um XY zu sein.“ ohne dass du dir den Wunsch absprichst. Nun besteht keine Notwendigkeit mehr, wodurch der Wunsch mit weniger Druck, Bedrohung und Verlangen aufgeladen ist. 
So die Theorie.In der Praxis hat unser Ego meist eine andere Meinung dazu. 

Wie also den Ego davon überzeugen? 
Mehr dazu in Teil 2 der Reihe: Leid im Kinderwunsch

Quellenverzeichnis

  • Wischmann, T. (2024): Psychological aspects of infertility. medizinische genetik, 36(1), S. 171–177.
  • Napthai, S. (2010): The complete Buddhism for mothers. Australia: Allen & Unwin.