Wie Schwangerschaft und Geburt ihre Natürlichkeit verloren haben.
11. März 2026
Ein Essay über die Medikalisierung von Schwangerschaft, patriarchale Geburtshilfe und das wiedergewonnene Vertrauen durch die Arbeit der Doula.
Brechen wir uns ein Bein, gehen wir ins Krankenhaus. Sind wir schwer krank oder haben einen Unfall, gehen wir ins Krankenhaus. Gebären wir ein Kind, gehen wir ebenfalls ins Krankenhaus – ganz natürlich ohne zu hinterfragen. Schlussfolgernd könnte man meinen, das Schwanger sein und Gebären eine Form von Krankheit ist, die medizinische Versorgung benötigt. Diese Sicht ist keine Übertreibung sondern gelebte Realität:
In Deutschlang gebären 98% aller Frauen ihre Kinder im Krankenhaus.
Über 90% der im Krankenhaus gebärenden Frauen erleben eine Intervention (medizinischen Eigriff z.B. Einleitung).
Begleiterscheinungen, wie Übelkeit, Sodbrennen oder Rückenschmerz, werden als Symptome bezeichnet, die es medizinisch abzuklären gilt.
Ein absolut westlicher Luxus und gleichzeitig die totale Absprache von Natürlichkeit. Wie kam es dazu, dass wir den natürlichen Prozess von Schwangerschaft und Geburt nicht mehr sehen bzw. ihn sogar fast absprechen?
Aberkennung der weiblichen Kraft
Das Stichwort lautet: Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt. Damit ist gemeint, dass Schwangerschaft und Geburt zunehmend aus ihrem Verständnis als natürliche, physiologische Prozesse herausgelöst und stattdessen als medizinische Ereignisse betrachtet werden. Der Ursprung der Medikalisierung von Geburt, ist historisch gewachsen und gründet auf patrichalen Strukturen. Als zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert die Medizin professioneller wurde, war eine deutlich männliche Dominanz in der Medizin vertreten. Es gab Ärzte, aber keine Ärztinnen. Aus Sicht des patriarchalen Weltbildes galten Frauenkörper aufgrund ihrer Hormone als problematisch, schwach und instabil. Schwangerschaft wurde nicht mehr als natürlicher Prozess gesehen, sondern als potenziell krankhaft oder riskant, der medizinisch überwachungsdürftig ist. So wurde männliche Geburtshilfe als medizinische Disziplin etabliert und das weibliche Hebammenwesen verdrängt. Da medizinisches Wissen als das einzig wahre Wissen definiert wurde, verloren traditionelle Heilpraktiken und Erfahrung ihren Wert (Hexenverbrennung). Die Betreuung von Schwangerschaft und Geburt ging von Frauen – Hebammen und Gebärende – auf männliche Ärzte über.
„Childbirth should be a natural event that occasionally needs medical help, not a event that occasionally happens naturally.“ Kemi Johnson, Midwife.
Patriarchale Geburtshilfe
Dieser Prozess wird als „männliche Aneignung“ bezeichnet und ist ein Paradebeispiel für die damalige sowie heutige geschlechterspezifische Machtstruktur. Hier liegt der Grund warum Männer plötzlich Babies „auf die Welt bringen wollten“: Macht und Kontrolle. Im 20. Jahrhundert verstärkte sich dieser Prozess durch die Verlagerung der Geburt vom Heim ins Krankenhaus. Die Argumentation beruht erneut auf der Annahme, dass Geburt etwas krankhaftes ist: Krankenhäuser seien sicherer, da technologische und ärztliche Überwachung zu besserem Outcome führe. Mit Outcome ist an dieser Stelle Kontrolle gemeint:
Kontrolle über den Zeitpunkt der Geburt.
Kontrolle über die Position des Kindes.
Kontrolle über den Geburtsschmerz.
Kontrolle über den Geburtsprozess.
Warum wir diesen Grad an Kontrolle überhaupt wollen und legitmieren, ist eine andere Frage.
An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass dieser medizinische Fortschritte keineswegs schlecht ist. Wir verdanken ihm viele Leben. Es wird nur dann problematisch, wenn wir Schwangerschaft und Geburt nur noch aus dieser Brille betrachten und bewerten und so die Natürlichkeit absprechen. Denn so hilfreich und lebensrettend Interventionen, wie Kaiserschnitte oder PDAs in medizinisch notwendigen Situation auch sind, so inflationär und routinemäßig werden sie auch in nicht-medizinisch notwendigen Situationen angewandt. Und während sie die Sicherheit bei Risikoschwangerschaften erhöht, führt sie oft zur übermäßigen Kontrolle und Pathologisierung gesunder Schwangerschaften.
„Feminism isn’t about making women stronger. Women are already strong. It is about changing the way the world perceives the strenght.“ G.D. Anderson
Folgen der Medikalisierung
1) Verlust von Intuition und Selbstvertrauen
Die Folge neben dem Verlust von weiblicher Autonomie ist vor allem eins: Die Irrelevanz der eigenen Intuition. Was eine Frau während der Schwangerschaft oder Geburt fühlt, besitzt keine Aussagekraft mehr. Erst wenn der Ultraschall bestätigt, dass es dem Baby im Bauch gutgeht, darf Frau sich entspannen. Wir verlernen unserem eigenen Gefühl zu glauben und geben die Verantwortung teils vollständig an medizinische Betreuung ab. Das führt zu unheimlich viel Unsicherheit, Abhängigkeit und Angst, da wir Sicherheit nur noch im Außen finden. Wir vergessen, dass wir (in den meisten Fällen) nicht auf die Medizin angewiesen sind, sondern unser Körper darauf ausgelegt ist, ein Kind zu empfangen, zu ernähren und zu gebären.
2) Druck der Durchhaltementalität
Das Absprechen der Natürlichkeit von Geburt und Schwangerschaft führt auch dazu, dass wir wichtige Prozesse, die zum Mutterwerden dazugehören, außer Acht lassen oder gar vermeiden wollen. So ist Schwangerschaft nicht nur ein körperlicher Prozess, sondern ein psychotisches Erlebnis, das tief auf die mentale Gesundheit von werdenden Müttern wirkt. Diesem Prozess wird oftmals keine Hilfestellung geleistet. Unabhängig der körperlichen Veränderungen umfasst das Erlebnis intensive Gefühle, Gedanken, Stimmungen und innere Spannungen, die während der gesamten Schwangerschaft auftreten können. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Schwangere eine erhöhte Sensibilität und ein gesteigertes Verletzlichkeitsgefühl aufweisen. Dafür sind Hormone (u.a. Östrogene, Progesteron) verantwortlich, die die Schwangerschaft aufrecht erhalten und die Neurotransmitter im Gehirn beeinflussen. Für diese Art der psychotischen „Instabilität“ ist in unserer Gesellschaft kein Platz. Anstatt, dass wir Schwangeren die Möglichkeit geben, sich mit dem Neuland vertraut zu machen, erkennen wir kaum an, dass sie solches überhaupt betreten. Frustrierenderweise haben wir uns irgendwie darauf geeinigt, dass eine schwangere Frau überhaupt nichts Besonderes braucht.
Doula: Vereinigung von Wissenschaft und Weisheit
Die Folgen der Medikalisierung zeigen auf, dass eine rein medizinischer Umgang mit Schwangerschaft und Geburt lückenhaft ist und die Gesamtheit des Ereignisses nicht halten kann. Es braucht also eine Umgangsform, die sowohl die gewonnenen Erkenntnisse der Wissenschaft sinnvoll integriert also auch die Weisheit und Natürlichkeit der Frauen anerkennt. Hier kommt die Doula ins Spiel: Doula (griech.) bedeutet Dienerin der Frau und bezeichnet eine Person, die Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft unterstützt und ermutigt ihren eigenen Weg der Mutterschaft zu gehen – ein Weg, der neben der medizinischen Sicht noch weitere Möglichkeiten aufzeigt. Im Vordergrund steht das Thema Vertrauen. Vertrauen zu spüren, zu erkennen, zu erlernen und wiederzuerlangen, um schlussendlich seinem Vertrauen vertrauen zu können. Dem Körper zu vertrauen, der eigenen Intuition zu vertrauen, dem Baby zu vertrauen, der Zukunft zu vertrauen, den Geburtsumständen zu vertrauen und vorallem sich selbst zu vertrauen. Es geht dabei nicht darum, die Medizin abzulehnen. Keineswegs. Vielmehr soll ein Raum geöffnet werden, in der beides nebeneinander existieren und sich ergänzen kann: Wissenschaftliche Erkenntnisse sowie die Weisheit der Natur. Denn solange wir der Wahrheit, dass Geburt ein zu tiefst natürlicher Prozess ist und Frauen bereits alles in sich tragen, was sie dafür brauchen, keinen Glauben schenken, sprechen wir Frauen ihre stärkste Kraft ab: das sie Leben erschaffen können. Und solange dieser Kraft kein Stellenwert eingeräumt wird, braucht es (unter anderem) Doulas.
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Von Hebammen und Psychologinnen empfohlen.
„Reminder that since day one a woman has already had everything she needs within herself. It’s the world that convinced her she did not.“ Rupi Kaur
Quellen
Neuro Launch (2024): Psychological Pregnancy: Understanding the Mind-Body Connection in Expectant Mothers.
Cahill, H. A. (2001): Male appropriation and medicalization of childbirth: An historical analysis. Journal of Advanced Nursing, 33(3), 334–342.
Westergren, A., et al. (2021): Exploring the medicalisation of childbirth through women’s preferences for and use of pain relief. Women and Birth.
Chaudhary P. et al. (2025): Role of doulas across the pregnancy care continuum on maternal and child health. Nature Communications (Continuum Doula Care).