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Leid im Kinderwunsch (Teil 2)

Leid im Kinderwunsch (Teil 2)

Was uns der Buddhismus im Umgang mit Leid im Kinderwunsch lehrt

Teil 1 der Reihe liefert uns die Erkenntnis, dass ein unerfüllter Kinderwunsch zu Leid führt, wenn aus dem Wunsch ein Verlangen wird. Verlangensgefühle sind besonders stark anhaftende Gefühle, da sie von einer Notwendigkeit ausgehen. 
Diese Notwendigkeit entsteht im Ego und folglich im Geist. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Wie können wir unseren Geist kontrollieren? Die Antwort auf diese Frage finden wir im Yoga sowie der buddhistischen Lehre. 

Der Weg raus aus dem Leid

Buddha sagt: „There is a path to end suffering.“ 
Das Stichwort lautet Non-Attachment und bedeutet das Auslöschen von Gier, Hass und Ungewissheit. Gefühlszustände, die durch Gedanken des Egos und seine falsche Einschätzung von Notwendigkeiten entstehen. Der Weg raus aus dem Leid umfasst Weisheit, Ethik und mentale Disziplin. Weisheit bezieht sich dabei auf das Verstehen der Wahrheit: Die Wahrheit von Vergänglichkeit und dem No-Self. 

Das buddhistische No-Self ist ein zentraler Kerngedanke, der besagt, dass das Individuum kein festes, permanentes „Ich“ besitzt, sondern aus Gefühlen, Wahrnehmung, mentaler Formation sowie Bewusstsein definiert ist. Diese befinden sich im stetigen Wandel, sodass es kein starres „Selbst“ gibt. 
Folglich bringen uns übertriebene Triebe, wie Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung, vom Weg ab. Sie verhindern, dass wir auf das Unkontrollierbare mit Akzeptanz reagieren können, da wir nur um das „Selbst“ kreisen. Viel mehr gilt es Gleichmut und Akzeptanz zu kultivieren, um die Unvollkommenheit des Lebens wahrhaftig anzuerkennen. 

„We need to be gentle, patient and persistent with ourselves. What makes a mother calm? When she accepts whatever life presents her. Unexpected or unwanted events don’t rattle her. Because life is play, not work.“ 

Kontrolle über den Geist

Gleichmut zu kultivieren erfordert mentale Disziplin. Wir können zwar nicht das Leben kontrollieren, aber durchaus unseren Geist. Den Geist zu kontrollieren, bedeutet unweigerlich Einfluss auf unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen zu erlangen. Eine Form von absoluter Freiheit und Zufriedenheit, an die keine Selbstoptimierung je heran kommt. 
Die Crux: Seinen Geist zu kontrollieren erfordert lebenslanges Üben. Tagtäglich. 
Ziel ist es, unbewusstes Denken gezielt zu erkennen und durch seine bloße Wahrnehmung die Kontrolle über die Gedanken zurückzuholen. 
Warum ist das so wichtig? 

Unsere Gedanken haben größtenteils nichts mit der Gegenwart zu tun. Sie erzählen uns eine höchst spannende Geschichte aus der Vergangenheit oder beziehen sich auf die Zukunft, lösen in uns aber Gefühle aus, die wir im Jetzt spüren. Das heißt, wir erleben Gefühle, deren Ursprung nichts mit dem Jetzt zu tun hat. 

Beispiel: Du sitzt gemütlich auf der Couch und plötzlich wandern deine Gedanken zum morgigen Zahnartztermin. Du empfindest Angst, deine Brust zieht sich zusammen und deine Laune ist bedrückt, während du doch eigentlich in Sicherheit auf deiner Couch sitzt. Das ist eine wahnsinnige Macht, die unsere Gedanken über unsere Lebensqualität hat. Vor allem, wenn sie unbemerkt und unaufhaltsam die volle Freiheit genießt.

Konkrete Umsetzung

Das Training der Gedankenkontrolle basiert auf der Schulung der eigenen Wahrnehmung und Achtsamkeit. Um etwas wirklich wahrnehmen zu können, braucht es Konzentration und Fokus (Dharana). 
Yoga in seiner Gesamtheit ist genau das: eine Wegbeschreibung, wie wir Dharana fördern können, um den Zustand der Meditation (=Gedankenkontrolle) zu erreichen. Haltungen (Asanas), Atmung (Pranayama) sowie eine achtsame Weise mit sich und anderen zu leben (Mamas & Niyamas), bilden die Substanz. Sie dienen als Vorbereitung für Meditation und helfen Dharana zu stärken.

Dafür braucht es nicht unbedingt eine Yogamatte. Vielmehr geht es darum, das alltägliche Leben meditativ zu erleben. Praktisch bedeutet das, das Leben mit all seinen Stimulationen zu nutzen, indem wir sie wahrnehmen, um unserem Geist etwas zum Fokussieren zu geben und ihn so im Moment zu halten. Es geht nicht darum, vor dem Lärm wegzurennen, sondern den Lärm als Erinnerungshilfe für die Gegenwart zu nutzen. So integrieren wir Meditation und die Kontrolle von Fokus immer wieder in den Alltag. 

„The challenge is to remember to remember.“ 

Wann immer du z.B. Warten musst, nutze den Moment, um deinen Körper wahrzunehmen. Welche Muskeln sind angespannt? Wie ist deine Haltung? Entspanne bewusst dein Gesicht. Nimm deine Umgebung wahr. Was fällt dir auf? Nimm deine Atmung wahr. Es gibt so viel, was JETZT in diesem Moment stattfindet. 
Und in den allermeisten Fällen, fehlt es uns im Jetzt an nichts.  

Yogatherapie-Konstanz-roots

Als Yogatherapeutin und Doula begleite ich dich auch gerne im Kinderwunsch.  

Quellenverzeichnis

  • Wischmann, T. (2024): Psychological aspects of infertility. medizinische genetik, 36(1), S. 171–177.
  • Napthai, S. (2010): The complete Buddhism for mothers. Australia: Allen & Unwin